Komm! ins Offene, Freund!
»Komm! ins Offene, Freund!« ist der erste Vers von Hölderlins Gedicht Der Gang aufs Land und titelgebender Ausruf von Rüdiger Safranskis Hölderlin-Biographie, die mir kürzlich ins Auge gesprungen ist, als ich mich nach neuen Hörbüchern umgesehen habe. Ich habe überhaupt nichts von Hölderlin gelesen; zwar habe ich vor dem Schreiben dieses Artikels kurz das soeben benannte Gedicht überflogen, aber das zählt wohl kaum. Trotzdem kann ich etwas über Hölderlin erzählen, dieser Name steht für mich vor Allem mit einer Anekdote aus Karl Ove Knausgårds autobiographischer Romanreihe Min kamp (der deutsche Titel weicht natürlich ab) in Verbindung: Knausgård umreißt hier an einer Stelle die Beziehung zu seinem Onkel Kjartan, einem Schiffsrohrinstallateur, wohnhaft in der ländlichen Ortschaft Sørbøvag in Norwegen, der zusammen mit seinen beiden bereits ins Alter gekommenen Eltern auf einem Bauernhof lebt. Kjartans Vater, an die achtzig Jahre, ist noch relativ fit und beweglich, aber Kjartans Mutter, die an Parkinson erkrankt ist, bedarf intensiver Pflege. Neben dem Installieren von Schiffsrohren, einer ohnehin schon körperlich anstrengenden Tätigkeit, der Kjartan den Großteil des Tages über nachkommen muss, muss er sich also um seine kranke Mutter kümmern, deren Zustand sich kontinuierlich verschlechtert und muss außerdem den kleinen Bauernhof, auf dem sie leben, quasi allein verwalten – inklusive Kühen, die gemolken und Feldern, die bestellt werden müssen. Zu allem Überfluss ist Kjartan laut Knausgård überhaupt nicht zu einer solchen Tätigkeit geschaffen, er ist ein „äußerst sensibler Mann, zart wie die zarteste Pflanze, dem jedes Interesse und jede Befähigung für die praktischen Seiten des Lebens [abgeht], so dass er sich zu allem, was er [tut], was seinen Alltag [ausmacht], zwingen [muss]."
Warum also das alles? Nicht etwa, weil er keine anderen beruflichen Möglichkeiten gehabt hätte, sagt Knausgård: Kjartan habe sich vielmehr im Zuge seines Eintritts in die Marxistisch-Leninistische Arbeiterpartei Norwegens in den siebziger Jahren „selbst proletarisiert", um fortan ein Leben zu führen, das den eigenen kommunistischen Idealen entspricht. Im Gegensatz zu den meisten seiner Parteigenossen hat er dieses Leben jedoch nicht aufgegeben, als der Kommunismus in den achtziger Jahren mehr und mehr zu einem verlorenen Posten wurde.
Knausgård zeichnet diese Existenz mit viel Liebe nach, den einsiedlerischen Kommunisten auf dem Land, der sich jeden Tag einfach aus Prinzip zu Tode schuftet, ohne irgendjemanden in seinem Umfeld zu haben, der ihn verstehen würde, würde er anfangen von seinen politischen oder künstlerischen Interessen zu sprechen. In seiner spärlich vorhandenen Freizeit schreibt Kjartan Gedichte, die sogar ab und an in renommierten Zeitungen abgedruckt werden und beginnt sich eines Tages in geradezu obsessiver Weise mit Heidegger zu beschäftigen. Dabei quält er sich durch die legendär-unverständlichen deutschen Originalausgaben seiner Werke – und das, obwohl Kjartan seit der Schulzeit kein Deutsch mehr gesprochen hat. Er liest auch die Dichter, über die Heidegger schreibt: In erster Linie die Vorsokratiker, Nietzsche und Hölderlin.
Knausgårds Kjartan-Portrait gipfelt in der Wiedergabe der Szene eines gemeinsamen Weihnachtsabends mit seinem Onkel, der infolge seiner exzessiven Heidegger-Hölderlin-Studien völlig von der philosophischen Strömung des deutschen Idealismus ausgefüllt ist:
Wie ironisch – mittlerweile geht es mir genauso. Was könnte »Komm! ins Offene, Freund!« auch anderes sein als der ermutigende Zuruf, auf den Kjartan sein ganzes Leben lang gewartet hat, den er aber nie mit eigenen Ohren gehört, sondern immer nur gelesen hat, nachts, über einen kleinen Holzschreibtisch gebeugt, mit von der schweren Arbeit zerrüttetem Körper, unter flackerndem Glühbirnenlicht, mit dröhnendem Kopf, wieder und wieder, ganz allein in seinem Zimmer irgendwo im Nirgendwo. Womöglich ist er auch an einem dieser Abende das erste Mal auf Nietzsche gestoßen. Vielleicht hat er angefangen im Zarathustra zu lesen und begonnen die folgenden Aphorismen leise vor sich hinzumurmeln:
Literaturhinweise
Karl Ove Knausgård: Min kamp (6 Bände; dt. u. a. Sterben, Kämpfen, Spielen, Leben, Träumen, Ende)
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra