Dementsprechend war es mir egal
Eine fremde Tür, ein fremdes Bett, ein Becher brauner Flüssigkeit – und die Gleichgültigkeit, mit der dabei alles kaputtgeht. Eine Nacht, aus der man nicht ganz zurückkommt.
Die Eingangstür bestand größtenteils aus Holz und sah so aus, als könnte man sie einfach eintreten. Trotzdem schloss ich meine Hand zu einer Faust zusammen und schlug vier Mal kräftig auf Brusthöhe über dem Türknauf gegen den morschen Hauseingang. Von innen dröhnte mir der Rhythmus entgegen, selbst wenn mir keiner aufmachte. Zu diesem Takt klopfte ich erneut, diesmal gegen die Glasscheibe und diesmal wohl etwas zu heftig, denn auf einmal klirrte es und die Tür bestand lediglich noch aus einem alten Holzrahmen und einigen Glasscherben, die am Rand festhingen. In der Mitte lachte mir hämisch ein großes Loch entgegen, das mich aufforderte, nach innen zu greifen und mir so Eintritt zu verschaffen. Es ist nicht mein Haus, dachte ich mir, es ist nicht meine Tür. Dementsprechend war es mir egal.
Wie ein Tier, das seine Beute witterte, schlich ich mich durch den großen Flur mit den hässlichen Porträts von hässlichen Menschen an der Wand, vorbei an dem Badezimmer, aus dem der süße Klang von Würgegeräuschen zu hören war, vorbei an einer geschlossenen Tür, die nur danach schrie, geöffnet zu werden, weil die Eltern des Gastgebers verboten hatten, dass sich darin Gäste aufhielten. Reine Spekulationen meinerseits. Paar Schritte zurück. Ich öffnete die Tür.
Großes Bett, Kommode und Schrank. Langweiliges Schlafzimmer. Um für Abwechslung in diesem öden Umfeld zu sorgen, zog ich meine Hose aus, legte sie sorgfältig zusammen, platzierte sie auf dem Boden neben der Tür und dekorierte die weiße, unbefleckte Decke mit Urin. Anschließend schnappte ich mir ein Kopfkissen und trocknete mich damit ab, ehe ich wieder in meine Hose schlüpfte. So unbemerkt wie ich das Zimmer betreten hatte, verließ ich es. Genug Anstand, um die Tür hinter mir zu schließen, hatte ich auch noch.
Mit gespitzten Ohren wanderte ich den Flur weiter entlang, bis ich den Ursprung des Lärmes fand. Der Geruch von mit Deodorant überdecktem Schweiß mischte sich im Wohnzimmer mit einem leicht sauren Aroma, das darauf schließen ließ, dass es Lasagne zum Abendessen gab. Während ich mich mit den Tropfen nass geschwitzter Körper beim Zwängen durch die Menge einkleidete, merkte ich, wie mir selbst der Sudor, einer glatten Schlange gleichend, zwischen den Schulterblättern langsam den Rücken herunterlief. Ich nahm mir einen Becher dunkler Flüssigkeit, der auf einem klebrigen, verkrümelten Tisch stand und setzte mich auf einen Stuhl in die Ecke.
Jeder kannte mich, niemand beachtete mich. Gelegentlich setzte sich jemand zu mir, steckte mir Geld zu und freute sich wie ein kleines Kind, wenn ich ihm oder ihr den Untergang überreichte. Nicht einmal ich wusste so wirklich, was ich eigentlich verteilte, aber es war ja nicht mein Leben, das ich womöglich zerstörte. Dementsprechend war es mir egal.
Mein nächster Besucher war ein kleines Monster. Eine fette Wampe mit kleinen Brüsten, die von der Schwerkraft wie Schläuche nach unten hingen, thronte auf dünnen, schlaksigen roten Beinen, welche jeden Moment zusammenzubrechen drohten. Seine Hörner standen schief und krumm vom viel zu großen Kopf ab und waren verheddert in den nassen, ungewaschenen strohblonden Haaren des Monsters. „Ich war vorhin schonmal bei dir.", krächzte es in einer viel zu hellen Stimme für einen so massigen Oberkörper, „Was hast du mir da gegeben?" Ich sah mein Spiegelbild in den großen Pupillen des Wesens mit den Schultern zucken. Seine Haut färbte sich in einem dunkleren rot. „Mir geht es nicht gut." „Ist nicht mein Problem." In seinen Augen glitzerte die Panik und auch seine Atmung ging sehr unregelmäßig und schnell. „Hilf mir!" Jetzt schrie das Monster schon fast, selbst wenn es ihm schwerfiel, auch nur überhaupt den leisesten Ton seinen Stimmbändern zu entlocken. Mein Spiegelbild schüttelte den Kopf. Das Monster stand auf. Wankte in die Menge. Und verschwand.
Angewidert schnaufte ich aus der Nase. Erst paar Minuten später entdeckte ich es nochmal. Seine Finger waren gespreizt, gestreckt und starr, das ruhige Atmen fiel ihm offensichtlich immer noch schwer. Ich konnte genau beobachten, wie sich die Lähmung von den Fingern aus im gesamten Körper verbreitete, bis das Monster wie ein Stock der Länge nach zu Boden fiel. Natürlich wusste ich, was zu tun war. Das Monster müsste langsam atmen, falls das nicht funktionierte, mithilfe einer Tüte. Wenn es weiter nach Luft schnappte wie jetzt, würde es die Lähmung nicht los. Aber es war nicht mein Körper, der so reagierte. Dementsprechend war es mir egal. Ich wendete den Blick ab.
Die braune Flüssigkeit in meinem Becher verwischte meine Sicht. Bunte Farben, helle Lichter, die sich in die Länge zogen, wenn man zu lange hinsah. Meine Augen konnten keine Individuen mehr erkennen, ich sah lediglich einen Mob, der sich im einheitlichen Rhythmus regelmäßig mal nach oben, mal nach unten bewegte. Lautes Stimmengewirr, das sich wie ein Teppich über den Raum legte. Niemand verstand auch nur ein Wort, das Dröhnen unterschiedlicher Stimmen von überall her hatte die Funktion zu existieren, nicht um Sinn zu ergeben. Der Teppich webte sich durch meine Ohren in den Kopf und drückte nun von innen gegen meine Schläfen.
Ich schloss meine Augen. Es war dunkel und hell, mal dunkler, mal heller. Die dicke Luft drückte auf meine nackte Haut und schien mich zu umarmen oder festhalten zu wollen. Von dem Geschehen um mich herum nahm ich nichts mehr wahr, lediglich der Teppich in meinem Kopf und die festdrückende Umarmung besaßen meine komplette Aufmerksamkeit. Feine Fasern bahnten sich ihren Weg aus meinen Körperöffnungen, schlossen sich zu einem Netz um meinen Kopf zusammen und vernebelten mir so die Sicht.
Als sie sich lösten, vernahm ich zuerst das Pulsieren des Basses. Ich musste nicht die Augen öffnen, um zu wissen, dass ich nun auf dem Boden lag; die Fasern des Teppichs hatten mich vermutlich sanft hingelegt. Bewegungslos lag ich eine Weile so da. Hilfesuchend sah ich mich um, versuchte zu schreien, aber nicht einmal mein Mund formte sich für einen Laut. Verärgert ließ ich von meinem missglückten Hilfeschrei ab. Der Teppich in meinem Kopf wurde größer, je länger ich dort auf dem Grund verweilte. Jedes Fußgetrampel hallte gefühlte Ewigkeiten in meinem Kopf nach und bot weiter Nährstoff für das Pumpen in meinen Schläfen.
Ich stand auf. Durch die Menge, mein entkräfteter Körper flutschte zwischen den nassen Monstern wie von selbst durch das Wohnzimmer Richtung Flur, im Flur, ich machte die Tür auf, alles leise. Mein Kopf allerdings pulsierte wie ein eigener Bass von innen an die Ohren, sodass ich das Gefühl hatte, es wäre hier lauter als gerade eben noch im Wohnzimmer. Das Licht zu hell, der Flur zu lang, meine Hände und Füße kribbelten warm, der Schweiß tropfte mir von der Stirn, mir war kalt.
Die Fasern legten mich erneut auf den Boden. Als sie sich zurückzogen und ich wieder etwas sehen konnte, webte sich der Teppich bereits bis runter in meinen Rachen. Schnell stand ich auf, zu schnell, kurz nochmal hinsetzen, durch die nächste Tür, sogar ein Bett stand darin, schmiss mich darauf und ließ die Fasern meine Gedanken vernebeln.
Augen auf. Urin.