Hex Hex
Eine Frau, die grinst, hat ein Geheimnis. Und Geheimnisse haben Frauen schon immer teuer bezahlt.
Eine lange, krumme Nase hat sie. Darauf eine Warze. Sie läuft gebückt, schaut grimmig und verbissen. Sie trägt schwarze Gewänder, beherrscht die dunkle Magie und ihre Waffe ist das Gift. Sie ist eine Außenseiterin, wohnt außerhalb der Stadt, weit entfernt von den anderen, in einer kleinen Hütte mitten im Wald. Auf jeden Fall ist sie alt.
Sie ist eine Hexe, wie wir sie aus Märchen kennen. Die Hexe, vor der sich die Kinder fürchten, die Hexe, die den lieben Prinzen verflucht und verwandelt. Die Hexe als die Böse. Sie ist die Gegenspielerin zur Prinzessin, zur Gänsemagd, zur braven Tochter - der Heldin im Märchen. Während auf der einen Seite das brave, junge, reine Mädchen steht, das nur Gutes im Sinn hat und einem Engel gleicht, steht ihr gegenüber jene Hexe - eine alte, sonderbare Frau, vor der man sich fürchtet. Die Geschichte der schönen Tochter, der Prinzessin, der unschuldigen Gänsemagd endet mit der Heirat… Die Hexe, die alte Frau, hingegen bleibt alleine und wird am Ende auf grausamste Arten und Weisen getötet.
Dass Märchenhexen eine patriarchale Verkleidung sind, ist mittlerweile den meisten bewusst. Dahinter stecken Frauen, die sich nicht in ihr „vorgeschriebenes weibliches Schicksal [...] willig fügen“.1 Ist eine Frau nicht brav, schön und jungfräulich, ist sie eine Hexe. Denn andere Optionen gibt es kaum. Weiblichkeit in Märchen wird polarisiert in Gut und Böse - eine Komplexität wird kaum zugelassen. Nun gut, es sind halt auch Märchen - wie komplex können sie schon sein. Aber es ist kein Zufall, dass die Hexe eine alte, ‚hässliche‘ Frau ist. Es gibt kaum Prinzen oder Könige, die böse sind. In den Märchen ist das „Älterwerden [..] für Frauen etwas so Schlimmes, dass es sie ‚schlimm‘ macht.“2 Es ist Teil des patriarchalen Manövers, Frauen Angst vorm Altern einzuflößen. Angst davor hässlich zu sein, nicht bestätigt zu werden. Dieses Verhältnis zum Alter, das Frauen beigebracht wird – dass Altern etwas Schlechtes sei, dass sie für immer jung aussehen müssen, um schön und begehrenswert zu sein, dass Schönheit überhaupt so einen unfassbar hohen Wert hat – ist krankhaft und Ausdruck von infantilen Schönheitsidealen. Diese sitzen unfassbar tief und sind auch in vielen Frauen tief verankert. So wie Schneewittchens Stiefmutter, die aus Neid auf Schneewittchens Schönheit zur Bösen wird.
In der zweiten Frauenbewegung eigneten sich Frauen den Hexenbegriff an. Sie holten ihn zurück, in dem sie sich selbst als Hexen bezeichneten. So riefen auf einer Demonstration in Rom gegen den italienischen Abtreibungsparagraphen die Frauen: „tremate, tremate, le streghe son tornate!“ (d.h. fürchtet euch, fürchtet euch, die Hexen sind zurück) und „La Gioia, La gioia, la si inventa, donne si nasce, le streghe si diventa!“ (d.h. Die Freude, die Freude, sie wird entdeckt. Als Frau geboren, zur Hexe gemacht).3 Die Wiederbelebung des Hexenbegriffs geschieht unabhängig vom historischen Schicksal der sog. ‚Hexen‘. Es geht weniger um eine ausgiebige Beschäftigung mit der historischen Hexenverfolgung, sondern vielmehr um den diskursiven Hexenbegriff. Während die Bezeichnung ‚Hexe‘ lange Zeit und mit Sicherheit zu Teilen auch heute noch als Beleidigung zählt, gilt er nun als Ausdruck der Emanzipation. Man erkennt sich als Frau, die sich eben nicht den patriarchalen Anforderungen ohnmächtig beugt, die einen eigenen Willen, eigene Entscheidungen, eigene Ambitionen und Fähigkeiten hat. Und als eine Frau, die - Überraschung - alt wird. Selbst Ikkimel solidarisiert sich mit dem Märchenhexen-Narrativ, wenn sie als Antwort auf Misogynie rappt: „Unsere Waffe heißt Giftmord“. Auch eine Hexe ist mit Sicherheit nicht vollkommen befreit von gesellschaftlichen Ansprüchen. Vielleicht ist sie deshalb so verbissen. Vielleicht ist ihre Boshaftigkeit Rache, wie bei Ikkimel.
Vielleicht gelten Hexen aber auch nur deshalb als so böse, weil es Männer sind, die ihre Geschichten erzählen und die es nicht aushalten, wenn eine Frau nicht brav, unschuldig und regelkonform ist. Ich denke, es ist sehr gut, wenn wir mehr Hexen in unserer Mitte haben. Mehr Hexen, weniger Gänsemägde. Mehr Frauen, die sich trauen, gegen Erwartungen zu sprechen, zu handeln. Die Raum einnehmen, Widerspruch und Kritik in Kauf nehmen und dafür Freiheit erlangen. Wenn Männer dann sagen „Fand dich eh hässlich“, kannst du dir sicher sein, etwas richtig gemacht zu haben.
2 Liebs, Elke: „Spieglein Spieglein an der Wand“. Mutter-Mythen / Märchen-Mütter / Tochter-Märchen. In: Mütter - Töchter - Frauen. Weiblichkeitsbilder in der Literatur (hrsg. Kraft, Helga und Liebs, Elke). Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, 1993, S. 115.
3 Bovenschen, Silvia: Die aktuelle Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes (hrsg. Becker, Bovenschen, Brackert u.a.), Frankfurt am Main: edition suhrkamp (3. Aufl.), 1980, ebd. S. 259.