#kurzgeschichte

Stürzen

Meine drei Mitbewohnerinnen reißen mitten in der Nacht die Tür zu meinem Zimmer auf. Ich wusste, dass das passieren würde, ich hatte es vorausgeahnt, ich bin nicht durch den Prozess des Aufreißens wach geworden, ich bin aufgewacht, weil ich geahnt habe, dass im nächsten Moment jemand meine Tür aufreißt. Jetzt stehen sie da mit nassen Haaren, das Licht ist aus, aber ich sehe ihre Silhouetten, denn das Fenster hinter ihnen ist geöffnet und durch den strömenden Regen scheint lose der Mond hindurch. »Jemand ist in unserer Dusche« flüstert eine von ihnen und ich kann es trotzdem hören, am anderen Ende des Raumes in meinem Bett. Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll, als hätte ich verschlafen und dieses Verschlafen stünde irgendwie damit in Verbindung, dass sich jemand in unserer Dusche eingenistet hat. Von einer unglaublichen Angst gepackt schwebe ich aus dem Bett und renne los, an unserem Duschraum vorbei, in dem ebenfalls kein Licht brennt, auf zu unserer Wohnungstür. Vor was ich mich fürchte, weiß ich nicht genau, aber hat nicht jeder Angst vor dem Tod? Die Tür ist abgeschlossen, das ist sie sonst nie, mir wurde eine Falle gestellt und ich bin hineingetappt. Aus der Dusche ist ein Geräusch zu vernehmen. Ich wende mich um, meine Mitbewohnerinnen stehen immer noch vor meiner Zimmertür. Sie zittern in der Kälte, kein Wunder mit nassen Haaren? Im nächsten Moment gelingt es mir den Schlüssel im Schloss zu drehen, aber die Tür springt nicht auf, ich muss noch die Klinke herunterdrücken. Meine Hände rutschen ab, ich bin noch gar nicht richtig wach. Beim nächsten Mal gelingt es mir, die Tür springt auf und ich stürze aus der Wohnung ins Treppenhaus, stürze die Treppen herunter und bin Sekunden später im Erdgeschoss angelangt. Irgendetwas sagt mir, dass der Eindringling nun die Dusche verlassen hat, wahrscheinlich hat er gerade die Verfolgung aufgenommen. Ich muss mich beeilen, ich muss mich entscheiden, dieses eine Mal darf ich nicht überlegen, sondern muss sofort entscheiden, welchen Weg ich jetzt einschlage. Die Eingangstür des Hauses? Zu offensichtlich. Die Hintertür? Nein. Ich entscheide mich für den Keller.

Bald bin ich drei Stockwerke unter der Erde, es riecht ein bisschen vermodert. Die anderen Mieter, viele von Ihnen bereits verstorben, haben hier ihre Möbel eingelagert. Da waren ein paar echte Prachtstücke dabei. Gerade stehe ich auf einem roten Perserteppich. Er ist zwar schon ein wenig ausgeblichen, aber in Kombination mit den beiden verzierten Massivholzschränken rechts von mir und dem gelben Sofa mit dem eingestickten Familienwappen hat der ganze Raum etwas Majestätisches.

Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe das Gitter vor der Kellertür nicht wieder zugemacht. Bei der Kellertür handelt es sich um eine Art doppelte Pforte: Will man sich Zugang zu der eigentlichen, nicht sonderlich widerstandsfähigen Holztür verschaffen, muss man zunächst eine Art Metallgitter öffnen – erst dann stößt man auf das (morsche) Holz dahinter. In meiner Eile habe ich das Gitter aber nicht wieder hinter mir geschlossen, geschweige denn verschlossen, sondern nur die Holztür. Das ist in zweierlei Hinsicht fatal: Zum einen lässt sich die Holztür wie bereits erwähnt leicht aufbrechen; zum anderen ist es für meinen Verfolger nun ein Leichtes zu bestimmen welchen Weg ich gewählt habe, steht doch das Gitter sperrangelweit offen, wie man zu sagen pflegt.

Bei der heimelig-erhabenen Atmosphäre hier unten hatte ich mich eigentlich schon etwas beruhigt, aber im Angesicht dieser neuen Erkenntnis schießt mir wieder die Angst in den Kopf. Ich muss mich verstecken. Ich muss tiefer hinunter, denn wenn ich mich nicht verhört habe, war da gerade wieder ein Geräusch. Ich verlasse das prunkvolle Zimmer und renne leise weitere Treppen hinunter. Die Stockwerke ziehen an mir vorbei, eins, zwei, drei, vier, ein beständiges Rauschen von Kellergeschossen, die an mir vorbeiziehen. Je tiefer ich in den Untergrund vordringe, desto mehr beschleunige ich meinen Schritt, denn es wird mit jedem Stockwerk, das ich passiere, unwahrscheinlicher, dass der Verfolger meine Schritte hören kann, ich muss also nicht mehr so sehr darauf achten möglichst leise zu laufen. Irgendwann höre ich auf zu rennen, ich kann nicht mehr.

Ich schaue mich um. Nichts. So tief bin ich noch nie in den Keller vorgedrungen, um mich herum herrscht unaussprechliche Dunkelheit, kein Lichtstrahl reicht so tief hinab. Ich muss außerdem gebückt gehen, denn die Mieter, die hier ihre Möbel deponiert haben, waren kleiner als die Menschen heute, damals galt man schon als groß, wenn man etwas über einen Meter fünfzig war. Trotzdem gefällt es mir hier, ich fühle mich sicher. Ich beschließe auf die Suche nach den Ledersesseln zu gehen, die es in diesen Stockwerken geben soll. Angeblich steht hier in nahezu jedem Raum einer. Und tatsächlich, da ist er, ich musste mich nur rechts von der Treppe aus ein wenig vortasten. Meine Hände berühren etwas, das sich wie Haut anfühlt.

Ich beschließe, mich auszuruhen. Als ich wieder erwache, ist er hier. Ich kann es spüren, ich bin nicht mehr allein in diesem Raum. Aber kann er es auch spüren? Weiß er, dass er sich mit mir hier unten befindet? Woher soll er wissen, dass ich mich ausgerechnet in diesem und nicht in einem anderen Raum befinde? Ich atme sehr leise, das wurde mir schon oft genug von anderen Leuten bestätigt und außerdem kommt aus den tiefen Stockwerken von unten manchmal ein Luftzug, ein Windchen sozusagen, in dem sich solche leisen Geräusche verfangen können; es ist also wahrscheinlich, dass er nichts von meiner Anwesenheit ahnt.

Vermutlich ist er gerade erst angekommen und hat auf dem Treppenabsatz innegehalten. Wenn ich jetzt leise bin und mich nicht bewege, wird er sicher weiter nach unten gehen oder sogar umkehren. Aber ich kann mich nicht zurückhalten. Ich schüttle den Kopf und wimmere: »Wie konnte ich vergessen das Gitter zu schließen«.

Nach einer kurzen Stille meldet sich der Andere zu Wort: »Das geht nur von außen.«

K'Crew