Fäden
Vorrede
Allein im letzten Jahr (2024) sind 53.451 Mädchen und Frauen in Deutschland Opfer von Sexualdelikten geworden, und die Dunkelziffer ist deutlich höher. Letztes Jahr (2024) wurden in Deutschland 165 Femizide registriert, dieses Jahr sind es 85. Die Zahlen häuslicher Gewalt steigen, die Frauenhäuser sind überfüllt.
Der Text ist sehr wütend. Das soll er sein und will er sein. Jede männlich gelesene Person in diesem (Text-)Raum, die sich von diesem Text angesprochen fühlt, muss etwas ändern, sich hinterfragen, Verhaltensweisen dringend aufarbeiten. Wir brauchen männlich gelesene Personen, die laut werden. Nicht performativ, sondern wirklich. Für jede weiblich gelesene Person ist das, was ich im Text erzähle, in irgendeiner Form Realität.
Fäden
Ich stolpere ständig
über unsichtbare Fäden,
die mich überall umgeben,
die ihr um mich, um uns gespannt habt,
zwischen denen ich mich bewegen darf,
aber auch bitte nicht zu sehr,
nur nicht ausbrechen,
nur an der Oberfläche kratzen,
bloß nicht zu tief graben,
sonst gäbe es so viel zu sagen,
für dass es keinen Raum und keine Richtung gibt
zwischen dem Netz aus Fäden,
das uns fast immer umgibt.
Ich bin müde immer wieder aufzustehen,
mich vorsichtig umsehen zu müssen,
um sicherzugehen nicht zu sehr gesehen zu werden,
von dir und euch,
zu sehen, wie ihr gafft und starrt,
ich bin wie erstarrt,
wenn ich Schritte im Dunkeln hinter mir höre,
ich die Kopfhörer im Ohr lasse,
um mit der Angst nicht aufzufallen,
die Musik auf stumm,
bin nicht so dumm,
der Dunkelheit zu trauen,
die Schlüssel in der Faust,
falls du dich traust,
mir zu nah zu kommen,
bitte komm nicht näher
bleib in deinem Schatten
und ich bleib alleine im Laternenschein
die Finger ums Metall geschlossen,
ich hab schon viel zu oft beschlossen,
laut zu werden, laut zu sein,
mehr zu sein, mir Raum zu nehmen,
für den Menschen, der ich bin,
weil ich so viel mehr bin,
als das, was ihr aus mir macht.
Ich hab keinen Bock mehr
durch dieses Netz hindurchzutanzen,
keinen Bock mehr marionettenhaft an Schnüren
zu baumeln und zu hängen,
eure Blicke bleiben an mir hängen,
schaut doch zu,
wie ich immer kleiner werde,
wie ich mich vor euch und mir verstecke,
weil ich zu sehr an ecke,
die Augen müde von so viel Vorsicht,
die Haare im Gesicht,
damit ich nicht seh',
wie ihr mich seht,
weil ich mich nicht so sehen will,
ihr hättet so gerne,
ich wäre still,
vor allem dann, wenn ich nicht mehr will.
Und wenn sich der Vorhang schließt,
die Tür ins Schloss fällt,
dann fallen Masken,
lächelnde Gesichter werden Fratzen,
Fäden werden Ketten,
die nett gedachten,
heben Hände, heben Fäuste,
heben Stimmen,
wollt über mich bestimmen,
wollt uns sagen,
wer wir sein dürfen,
lieb und nett,
nur bitte nicht zu fett,
aber zu dünn ist auch verkehrt,
weil dann fehlen doch die Titten und der Arsch,
die ihr ungefragt begaffen und anfassen könnt,
und wenn wir laut werden,
dann stellen wir uns an,
wenn du mich abfucken willst,
dann stell dich hinten an,
vor dir ist schon die Gesellschaft dran,
die mir sagen will,
wie ich zu leben und zu lieben habe,
entscheidet, dass ich an der Spitze nichts verloren habe,
der egal ist,
wenn ich mich in den Fäden irgendwo verwoben und verlaufen habe,
der es lieb ist, wenn ich als liebe liebe Frau nichts sage,
bitte lächeln,
bitte freundlich bleiben,
bitte mach die Beine breit,
wenn ich das will,
aber nur wenn du noch nicht so viele hattest.
Hey, ein guter Schlüssel passt in jedes Schloss,
aber wie gut ist ein Schloss, in das jeder zweite Schlüssel passt?
Fickt euch, ich bin kein Gegenstand,
Fickt euch, wir leisten Widerstand,
wir pissen an die Wand,
tanzen mit der Schere in der Hand,
ein paar Fäden lassen sich zerschneiden,
aber die Ketten,—
die bleiben.
Behandelt uns wie Puppen,
sind nur zum Spielen da,
spielt mit unseren Körpern,
bis nichts mehr bleibt
nur Scham.
Nein, ich finds nicht geil,
wenn du mich anschaust,
ich bin nicht dein Anhang,
nicht dein Besitz,
ich bin tatsächlich wirklich ein Mensch der fühlt,
ich fühle, wenn dir meine Gefühle egal sind,
wenn du auf mich herabschaust,
wie auf ein kleines Kind,
ich bin nicht da um dir zu gefallen,
wenn du angekrochen kommst,
um mir ins Ohr zu lallen,
mich zu belagern,
während deine Worte an mir abprallen.
Ich will nicht, dass du nach mir pfeifst,
ich will nicht, dass du mir nachläufst,
Ich will keinen ungefragten Rat,
Ich will nicht.
Ich will nicht mehr.
Nein, es sind nicht alle Männer,
aber Männer sind es immer.
Und ich weiß nicht wer du bist,
Wenn ich dir begegne,
ich weiß aber das ich bete,
und hoffe.
Hoffe, dass du nicht der Letzte bist.